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Mit HIV hinter Gittern

„Aktionstage Gefängnis“ machen auf Gefangene mit chronischen Leiden aufmerksam

In der JVA Würzburg sitzen auch Gefangene mit HIV eine Haftstrafe ab. Foto: Brigitte Neugebauer

PRESSEMITTEILUNG JVA Würzburg-Schweinfurt im Einvernehmen mit SkF Würzburg und Christophorus GmbH

 

Schon „draußen“ war es für Uwe R. schwer gewesen, mit seiner Erkrankung klarzukommen: Vor über 20 Jahren steckte sich der 44-Jährige mit dem HI-Virus an. Lange verdrängte er diese Tatsache. Das geht inzwischen nicht mehr. Uwe R. sitzt im Würzburger Gefängnis. Hier kann er den Gedanken an seine Infektion nicht ausweichen. Er möchte das auch nicht mehr: „Denn das ist auf Dauer schrecklich anstrengend.“ Uwe R. nutzt den Vollzug, um sich mit seinem Schicksal „HIV“ auseinanderzusetzen.

 

In allen Gefängnissen sitzen Menschen mit schweren chronischen Krankheiten. Darauf machen die ersten bundesweiten „Aktionstage Gefängnis“ vom 21. bis 30. September aufmerksam. Unter dem Motto „Hingesehen! Gefängnis, Gesundheit und Gesellschaft“ verweisen sie auf die Notwendigkeit, Inhaftierte zu unterstützen, damit sie sich nach der Haftentlassung ein neues Leben aufbauen können. In Würzburg tragen viele Einrichtungen dazu bei, dass Resozialisierung gelingt – unter anderem die Aidsberatung des diözesanen Caritasverbands.

 

Michael Koch, Leiter der Einrichtung, ist mindestens einmal im Monat in der JVA, um Gefangene wie Uwe R. psychosozial zu begleiten. Vor allem für Uwe R. nahm sich der Psychologe viel Zeit. „Wir haben uns in den vergangenen drei Jahren 43 Mal getroffen“, weiß Uwe R. ganz genau. Die Gespräche mit Koch waren für ihn unschätzbar wichtig. Zum ersten Mal hatte sich Uwe R. geöffnet und einem anderen Menschen erzählt, welche Qual es für ihn jahrelang bedeutet hat, „positiv“ zu leben.

 

„Ich habe mich immer in eine Scheinwelt geflüchtet“, erzählt der gelernte Hotelfachmann. Niemand sollte wissen, dass er infiziert ist. Würde das herauskommen, war er sich sicher gewesen, würde das gravierende Folgen haben. Uwe R. kannte HIV-Positive, die sich geoutet hatten und dann mit Ausgrenzung bis hin zu massivem Mobbing fertig werden mussten. Manche haben das nicht verkraftet: „Einen kenne ich, der hat sich erhängt.“

 

Uwe R. lebte so, als gäbe es das HI-Virus nicht. Er tat alles, um sein Dasein auszukosten, erzählt er seinem Berater Michael Koch: „Weil ich dachte, dass ich sowieso bald sterbe.“ Uwe R. suchte Orte auf, wo sich Menschen mit viel Geld amüsieren. Viele rauschhafte Nächte lenkten ihn ab von seinem Schicksal. „Doch immerzu eine Rolle zu spielen, das ist verdammt anstrengend“, meint der Häftling. Vor allem war es Uwe R. irgendwann nicht mehr möglich gewesen, seinen Lebensstil zu finanzieren. Durch Betrügereien versuchte er, an Geld zu kommen. Diese Taten führten schließlich vor drei Jahren zu seiner Inhaftierung.

 

Uwe R. leidet darunter, weggesperrt zu sein. Dennoch versucht er, das Beste aus seiner Situation zu machen. „Ich bat, mit einer Aidsberatungsstelle Kontakt aufnehmen zu können“, berichtet er. In einem mühsamen und schmerzhaften Prozess lernte Uwe R. in den vergangenen drei Jahren, seine Krankheit zu akzeptieren, die Gedanken an die Infektion nicht länger zu verdrängen, sich seinem Schicksal zu stellen. Die Gespräche mit Michael Koch boten ihm auch die Chance, über tief vergrabene biografische „Baustellen“ zu sprechen. Was hinter Gittern nicht selbstverständlich ist, so der Aids-Berater: „Die wenigsten Gefangenen erhalten eine Psychotherapie.“

 

Durch die Gespräche mit Koch fasse Uwe R. Mut, mit seinen Eltern Kontakt aufzunehmen. Lange hatten die nicht gewusst, dass ihr Sohn an HIV leidet. Uwe R. befürchtete auch von dieser Seite Stigmatisierung. Doch das Gegenteil trat ein: „Von meiner Familie erlebe ich gerade großen Rückhalt.“ Wenn er in einem Jahr entlassen wird, will er zunächst zu seinen Eltern ziehen, um sich von dort aus ein neues Leben aufzubauen.

 

Engagement für die Resozialisierung von Gefangenen bedeutet für Michael Koch genau das: Inhaftierte müssen hinter Gittern die Möglichkeit erhalten, Probleme zu bearbeiten, die sie teilweise seit Jahren quälen. Vor allem für Gefangene mit HIV ist psychosoziale Unterstützung wichtig. Denn mitunter müssen sie auch hinter Gittern mit Diskriminierung klarkommen. Uwe R.: „Ohne jede Chance, ausweichen zu können.“