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Mails im Urlaub sind tabu

Christophorus-Gesellschaft treibt Maßnahmen zur Burnout-Prävention voran

Beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement, zeigt Fredy Arnold von der Christophorus-Gesellschaft, sind etliche Aspekte zu berücksichtigen. Bild: Günther Purlein

Der Mann wollte ein Fischbrötchen haben. Nichts anderes. Keine Käsesemmel. Keine Butterbrezel. „Es tut mir leid, aber wir haben heute keine Fischbrötchen“, bedauerte die Mitarbeiterin der Bahnhofsmission. Da wurde der Mann ausfällig. Schimpfte. Unflätige Ausdrücke fielen. „Solche Situationen häufen sich“, sagt Fredy Arnold, der bei der Christophorus-Gesellschaft für das Betriebliche Gesundheitsmanagement zuständig ist. Umso wichtiger sei es, Überlastungen durch psychischen Stress vorzubeugen.

 

Hier geschieht bei der ökumenischen gGmbH schon eine Menge. „Wir erfüllen zum Beispiel gern Wünsche nach Supervision“, sagt Arnold. Beschäftigte mit Kindern können Beruf und Familie vereinbaren. Auch ist es bei der Christophorus-Gesellschaft tabu, Mitarbeiter im Urlaub zu behelligen. Das gilt vor allem auch für Leiterinnen und Leiter. Sind sie in den Ferien, erhalten sie keine Anrufe, keine Mails und keine SMS. Sie sollen komplett abschalten können, um danach wieder mit neuer Kraft in die zunehmend anspruchvollere Arbeit mit armen, wohnungslosen und straffällig gewordenen Menschen einzusteigen.

 

Vor einem Jahr untersuchte die Würzburger Studentin Ingrid Lupsa in ihrer Bachelorarbeit, wie zufrieden die Mitarbeiter der Christophorus-Gesellschaft mit ihrem Arbeitgeber sind. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Der größte Teil der Beschäftigten schätzt es, wie fair und wertschätzend mit ihnen umgegangen wird. In einem zweiten Schritt lässt die Christophorus-Gesellschaft nun prüfen, welchen Stressfaktoren die Haupt- und Ehrenamtlichen in der Bahnhofsmission, der Wärmestube, der Kurzzeitübernachtung und den anderen Einrichtungen konkret ausgesetzt sind.

 

Sandra Samol beschäftigt sich damit in ihrer Bachelorarbeit. Inzwischen hat die Studentin jede Einrichtung sowie die Geschäftsstelle besucht und eruiert, was an den jeweiligen Arbeitsplätzen seelisch belastend sein kann. Bis Jahresende will Samol das Raster für eine Gefährdungsbeurteilung erstellen. „Wir erhoffen uns dadurch, auf Dinge zu stoßen, die wir bisher noch nicht so klar im Blick hatten“, sagt Arnold.

 

Eine psychische Gefährdungsbeurteilung zu erstellen, dazu sind alle Arbeitgeber seit der Novellierung des Arbeitsschutzgesetzes verpflichtet. Nicht nur Konzerne, sondern auch kleinere Unternehmen müssen Stressquellen identifizieren, Gegenmaßnahmen entwickeln und überprüfen, ob die Belastungen durch die angestoßenen Maßnahmen minimiert wurden. Viele Betriebe kommen dieser Pflicht noch nicht nach. „Dass dieser Prozess, wie bei uns, wissenschaftlich begleitet wird, ist ebenfalls selten“, unterstreicht Arnold.

 

Innerhalb der Christophorus-Gesellschaft wird unabhängig von diesem neuen Projekt im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements immer wieder reflektiert, wie es kommt, dass die Teams in den Einrichtungen ihre Arbeit als immer fordernder erleben. Das, sagt Arnold, hat viele Gründe. Ein Grund liegt im wachsenden sozialen Abstand der Menschen innerhalb unserer Gesellschaft.

 

Wer es in Zeiten angeblicher Vollbeschäftigung und eines boomenden Arbeitsmarkts nicht schafft, beruflich unterzukommen, fühlt sich stärker noch als in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Rezession als „Looser“. Die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenslage äußert sich oft, wie bei dem Mann, der ein Fischbrötchen verlangte, in misstrauischem oder aggressivem Verhalten: Er, der ewig Zukurzgekommene, sollte nun also abermals leer ausgehen!

 

Der kulturelle Gesellschaftsmix stellt eine weitere Herausforderung dar, die es so in früheren Zeiten nicht gab. Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission mussten in jüngster Zeit zum Beispiel neu lernen, mit Rassismus umzugehen, erläutert Arnold an einem Beispiel: „Einmal kam ein Mann, der sich weigerte, Tee von einer muslimischen Mitarbeiterin anzunehmen.“ Er war perplex, hinter dem Tresen eine Frau mit Kopftuch zu sehen, und begann, die Muslima zu beleidigen.

 

Stressig wird die Arbeit nicht zuletzt dann, wenn die Mitarbeiter nicht die Hilfe leisten können, die notwendig wäre. Das betrifft vor allem Menschen, die verzweifelt auf Wohnungssuche sind. Etwa, weil sie gerade aus dem Gefängnis kommen. Mit großem Engagement versuchen die Beschäftigten in der Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe, dem Klienten zu einer Bleibe zu verhelfen. Ist dies doch die Voraussetzung dafür, dass der Neustart gelingt. Doch nicht selten bleiben alle Bemühungen vergebens, so Arnold: „Was auf Dauer zermürben kann.“ Und Maßnahmen zur Stressreduktion unabdingbar macht.

Günther Purlein