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Allmählich wieder Tritt fassen

Uwe versucht im Johann-Weber-Haus nach 22 Jahren Straßenleben einen Neustart

Einrichtungsleiterin Brigitte Abt händigt Uwe, einem Bewohner des Johann-Weber-Hauses, die heute eingetroffene Post aus. Foto: Günther Purlein

Nach 22 Jahren auf der Straße hat Uwe genug. Er möchte wieder in einer Wohnung leben. Wie zuletzt im Jahr 1992. Zwei Gründe waren ausschlaggebend für den 45-Jährigen, es zumindest noch einmal zu versuchen, Fuß zu fassen. Zum einen verschlimmert sich Uwes Asthma. „Außerdem habe ich seit einem Jahr eine Freundin“, erzählt der ehemals Wohnungslose, der vor neun Wochen ins Würzburger Johann-Weber-Haus der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft zog.

 

Immer draußen zu sein, das schlaucht auf Dauer. Auch wenn sich Uwe gut ausgekannt hat und in jeder Stadt, in der er sich aufhielt, wusste, wo er für den heutigen Tag etwas Unterstützung bekommt. Was er zum Überleben benötigt hatte, passte in seinen 65-Liter-Rucksack hinein. „Ich besaß sogar eine alte Bratpfanne“, berichtet der Mann, der in Sachsen großwurde. Von seinem Tagessatz und von dem, was er sich jeden Tag auf der Straße erbettelte, bereitete sich Uwe am Abend im Park mit Hilfe eines Kochers seine Mahlzeiten zu. „Ich konnte eigentlich immer essen, worauf ich Lust hatte“, meint er: „Nur manchmal haben die Leute im Park ganz schön geguckt, was ich da treibe.“

 

Noch bis Mitte Februar diesen Jahres lebte Uwe in Würzburg auf der Straße. Er besaß zwei Schlafsäcke. Zwei Isomatten. Und eine dicke Decke. Damit hielt er es auch in sehr kalten Nächten aus. „Ich habe immer geschaut, dass ich ein Dach über dem Kopf fand“, erzählt er. Uwe verkroch sich zum Beispiel gern in Tiefgaragen.

 

Eisige Kälte, der tägliche Kampf ums Überleben, Anpöbeleien, wenig medizinische Versorgung – Uwe wusste, dass er das Straßenleben nicht ewig aushalten würde. Darum beschloss er vor etwas mehr als zwei Monaten, in die sozialtherapeutische Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft zu gehen. Die Umstellung, gibt er zu, war schwer: „In den ersten Nächten habe ich allenfalls drei Stunden geschlafen.“ In einem engen Zimmer zu sein, war für den Wohnungslosen höchst ungewohnt. Doch allmählich geht es mit dem Schlafen wieder. Allmählich fasst Uwe Tritt.

 

„Dieser Klient braucht viel Zeit, die er bei uns auch erhält“, sagt Brigitte Abt, die das Johann-Weber-Haus leitet. Jeden Tag kommt Uwe zu ihr, um über sich und seine Probleme zu sprechen. Das geschieht behutsam. Denn Uwe hasst es, ausgefragt zu werden. „Das ist privat!“, sagt er sofort, wenn ihm etwas zu nahe geht. Uwe ist gewohnt, die Dinge mit sich alleine auszumachen. Wird ihm alles zu viel, trinkt er. Mehrere Flaschen Bier braucht der 45-Jährige täglich: „Sonst halte ich das alles nicht aus.“

 

Brigitte Abt drängt den ehemals Wohnungslosen nicht. Sie weiß: Wird es Uwe zu eng, packt er sein Bündel und zieht los. Ein Reflex, der seit zwei Jahrzehnten in ihm steckt. Warum Uwe auf der Straße landete, weiß die Einrichtungsleiterin: Als Teenager hatte er sich etwas Schlimmes zuschulden kommen lassen und wanderte ins Gefängnis. Seit der Entlassung wenige Jahre nach der Wende besaß er keine eigene Wohnung mehr.

 

Menschen wie Uwe sind selten geworden im Johann-Weber-Haus, das insgesamt 24 Männern zwischen 18 und 60 Jahren die Möglichkeit bietet, sich nach Wohnungslosigkeit oder einer Strafentlassung sozial und seelisch zu stabilisieren. „Früher war das unsere Hauptklientel“, berichtet Abt. Doch inzwischen haben die meisten Bewohner des Johann-Weber-Hauses keine lange „Straßenkarriere“ mehr hinter sich. Viele sind noch jung. Doch aufgrund massiver seelischer Probleme ist es ihnen nicht möglich, ihren Alltag zu meistern.

 

Nur noch ein Drittel aller Klienten zog, wie Uwe, viele Jahre lang von Stadt zu Stadt. Diese Männer müssen sozialtherapeutisch ganz anders behandelt werden als die Jungen, die noch arbeitsfähig sind und möglicherweise sogar vorhaben, eine Familie zu gründen. Uwe, der einen landwirtschaftlichen Beruf erlernt hat, wird sehr wahrscheinlich nicht mehr in der Lage sein, arbeiten zu gehen. Dazu ist er gesundheitlich viel zu stark angeschlagen.

 

Uwe muss lernen, jenseits des Überlebenskampfes auf der Straße und jenseits des Alkoholkonsums etwas mit sich anzufangen. Ganz allmählich wächst er in eine Tagesstruktur hinein. Schwester Brigitte, die dem Orden der Gemündener Kreuzschwestern angehört und sich seit sieben Jahren im Projekt „Wohnkultur“ des Johann-Weber-Hauses engagiert, will in Kürze beginnen, Uwe stundenweise einzubinden. Uwe wird mit ihr zusammen die Gemeinschaftsräume säubern und sie hübsch gestalten. So hat er etwas zu tun, trinkt nicht und trainiert schon mal für seine eigene Wohnung, die er in eineinhalb Jahren zu beziehen hofft.

Günther Purlein