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Wie es zum Absturz kommt

Die Wärmstube ist das ganze Jahr über eine Anlaufstelle für Menschen in Not

Ulrike Keidel bietet heute im Rahmen des Kultur- und Bildungsprogramms „Purer Aktionismus“ einen Töpferkurs für die Besucher der Wärmestube an. Bild: Günther Purlein

Die eisigen Tage sind allmählich vorbei. Endlich kann man sich wieder draußen aufhalten. Der Frühling wirkt sich auch auf die Würzburger Wärmestube aus. Allerdings nicht in erster Linie, was die Besucher anbelangt. Sondern in Bezug auf die Spender. „Als es im Winter bitterkalt war, rückten unsere Leute in den Fokus, wir erhielten viele Kleiderspenden“, sagt Einrichtungsleiter Christian Urban. Inzwischen ist das Interesse wieder abgeflacht: „Doch die Nöte unserer Besucher bestehen das ganze Jahr über.“

 

Genau das ist in Zeiten von Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel nicht leicht zu vermitteln, weiß Urban. Unermüdlich erklärt er, dass die Gleichung „Hier eine offene Stelle“ und „Dort ein arbeitsloser Mensch“ nicht aufgeht. Denn die Menschen, die in die Einrichtung der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft kommen, bringen nicht das mit, was in der Arbeitswelt verlangt wird. „Sie ticken zwar nicht anders als wir, allerdings manchmal langsamer“, sagt Urban zu den Gruppen, die zu ihm in die Wärmestube kommen, um sich zu informieren, was es mit dieser Anlaufstelle auf sich hat und warum sie auch in Zeiten guter Konjunktur notwendig ist.

 

Keiner der fünf Männer, die heute in der Wärmestube mit Keramikerin Ulrike Keidel aus Rimpar töpfern, könnte einen durchgetakteten Acht-Stunden-Tag aushalten. Wobei viele in ihrem Leben schon eine Menge geleistet haben. Zum Beispiel Georg H. Der 61-Jährige hat Betriebswirtschaft studiert, mit Diplom abgeschlossen und danach gute Jobs in München und Augsburg gehabt. Geld hatte keine Rolle gespielt, Georg H. verdiente gut. Wobei er gar keine Zeit hatte, das Verdiente auszugeben: „Ich verließ morgens um acht Uhr das Haus und kam abends um acht Uhr zurück.“

 

Zum Verhängnis wurde ihm seine Ehe. Was genau passiert ist, darauf will Georg H. nicht eingehen. Aus dem, was er andeutet, lässt sich herauslesen, dass er durch seine Gattin – noch immer ein Tabuthema – psychische Gewalt erlitten hat. Nach nur drei Jahren war die Ehe am Ende. Die Scheidung stürzte Georg H. in ein finanzielles Desaster. Noch schlimmer waren die seelischen Schäden. Das Erlebte warf ihn komplett aus der Bahn. Es folgte ein rasanter sozialer Abstieg.

 

Irgendwann hatte Georg H. nichts mehr. Kein Geld. Keine Wohnung: „Ich fand in Würzburg eine Baustelle, da hab ich ein halbes Jahr übernachtet.“ Inzwischen hat er einiges regeln können. Georg H. bezieht nun eine Rente auf Hartz IV-Niveau. Durch Glück erhielt er im Juli eine Wohnung. Dass er nicht mehr draußen schlafen muss, ist gut. Doch die Wohnumstände sind prekär. Von seinem wenigen Geld könnte er sich die 45 Quadratmeter große Wohnung nicht leisten: „Sie kostet warm 700 Euro.“ Für 350 Euro lebt Georg H. nun in einem 20 Quadratmeter großen Zimmer. Und hat mit einem wenig kooperativen Mitbewohner zu kämpfen.

 

Die Wärmestube ist für Georg H. nicht nur ein Ort, der ihm Zerstreuung bietet – zum Beispiel über das Bildungsprogramm, das mit kreativen und kulturellen Angeboten wie dem Töpfern aufwartet. In der Wärmestube kann sich Georg H. erholen. Vor allem ist es ihm hier möglich, kostengünstig nette Menschen zum Kaffee zu treffen: „Eine Tasse kostet 30 Cent, das kann selbst ich mir leisten.“ Günther Purlein