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Antike Möbel statt Knast

In der Holzwerkstatt des Johann-Weber-Hauses startet Daniel B. in ein neues Leben

Bei Werkstattleiter Stefan Nothegger lernte Daniel B. in die Jahre gekommene Möbel zu restaurieren. Foto: Günther Purlein

Zu schreinern, das hat Daniel B. nie gelernt. Dennoch kann er super mit Holz umgehen. Das beweist der 31-Jährige jeden Tag in der Holzwerkstatt des Würzburger Johann-Weber-Hauses. Seit Mai ist Daniel B. hier tätig. Der Einstieg in die neue Arbeit war anfangs hart. „Ich will, was ich tue, perfekt tun“, sagt er. Doch als Neuling im Holzbereich misslingt zunächst so manches. Inzwischen hat Daniel B. gelernt, geduldig mit sich zu sein. Und sich durch schwierige Aufgaben durchzubeißen.

 

An vier Tagen in der Woche ist der Bewohner des Johann-Weber-Hauses für jeweils sieben Stunden in der Holzwerkstatt zugange. Morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen fällt ihm nicht schwer: „Im Gegenteil, ich wäre unglücklich, wenn ich das nicht hätte.“ Für Daniel B. ist es wichtig, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Seine Hände anzustrengen. Mit dem Kopf kniffelige Probleme zu lösen. Zu schwitzen. Sich zu verausgaben. Das braucht er mehr noch als die anderen fünf Männer, die unter Anleitung von Stefan Nothegger in der Holzwerkstatt arbeiten. Denn Daniel B. hat ADHS. Eine Krankheit, die für fortwährende Turbulenzen in seinem Leben sorgte.

 

Wer mit Daniel B. redet käme nie auf die Idee, dass er lediglich eine Förderschule besucht hat. Der junge Mann ist höflich. Reflektiert. Wählt seine Worte sorgsam. Zum Verhängnis wurde ihm, dass es in den Achtzigerjahren noch kaum ein Bewusstsein für die Krankheit ADHS gab. Schon in der Grundschule kamen die Lehrer mit dem lebhaften Kind überhaupt nicht zurecht. Die Eltern bemühten sich sehr um ihn. Doch auch sie konnten den Jungen nicht bändigen. „Ich war in zwei Kinderheimen, wo ich allerdings in keiner Weise gefördert wurde“, sagt Daniel B.

 

Erst mit zwölf Jahren wurde er diagnostiziert und erhielt Tabletten. Die nahm er mal. Dann nahm er sie wieder nicht. Dafür konsumierte er Drogen. „Damit habe ich mir das Gehirn vergiftet“, bekennt der junge Mann, der gerade dabei ist, unter Anleitung von Werkstattleiter Stefan Nothegger einen alten Schrank zu restaurieren. Wie viele Jahre das Stück auf dem Buckel hat fanden die beiden kürzlich heraus als sie einen Schrankdeckel abnahmen: 1893 wurde das Möbelstück angefertigt.

 

Seit Frühjahr wird der Schrank Zug um Zug in der Holzwerkstatt restauriert. Im Moment ist Daniel B. dabei, Macken und Löcher mit Spachtelmasse zu verfüllen. Ist das geschehen wird der Schrank schwarz lackiert. Die Restaurierungsprozedur ist aufwendig. Insgesamt wird sie ein Jahr dauern.

 

Im Mai kam Daniel B. direkt aus der Justizvollzugsanstalt in das Johann-Weber-Haus der Christophorus-Gesellschaft und kurz darauf auch in die Holzwerkstatt. Illegales Tun prägte seine Vergangenheit. Doch dieses Leben will Daniel B. nun hinter sich lassen. Deshalb entschied er sich für das Angebot, acht Monate früher aus dem Gefängnis zu gehen, um sich im Johann-Weber-Haus sozial zu rehabilitieren.

 

Sein größter Wunsch wäre es, nächstes Jahr eine Ausbildung zu beginnen. Stefan Nothegger ermutigt ihn diesen Weg zu gehen. Auch wenn es sicher kein leichter Weg werden wird. Und zwar für alle Beteiligten. Rein handwerklich wird es Daniel B. wahrscheinlich mühelos gelingen, eine Lehre durchzuziehen. Zumal er inzwischen wieder medikamentös gut eingestellt ist und seine ADHS im Griff hat. Sich die Theorie anzueignen wird wegen seines fehlenden Schulabschlusses allerdings schwer werden. „Er braucht intensive Unterstützung“, so Nothegger. Die gibt es auch. Fragt sich allerdings, ob sich ein Ausbildungsbetrieb darauf einlässt.

 

Stefan Nothegger würde sich für Daniel B. nichts mehr wünschen. Der junge Mann, der sich so vorbildlich in die Holzwerkstatt einbringt, auf den er sich blind verlassen kann und der alles tut, um ein neues Leben zu beginnen, hat eine zweite Chance verdient. Ausbilder, die sich von seinen Talenten überzeugen möchten, lädt Nothegger zum Gespräch ein. Günther Purlein