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Wo es Hoffmannstropfen gab

Bahnhofskonzert begeistert rund 300 Gospelliebhaber und Fans der Bahnhofsmission

Vom ersten Takt an gelang es dem Gospelchor „HeartLeiner“ aus Leinach am Freitagabend beim Benefizkonzert in der Bahnhofshalle, die Menschen mitzureißen. Die einen schnippten mit den Fingern mit, die anderen stimmten bei „Good News“ oder „Kumbaya my Lord“ ein. Etliche Handykameras wurden gezückt, um das ungewöhnliche Event zugunsten der Bahnhofsmission festzuhalten. Um die 300 Gospelfans lauschten im Laufe des Abends den engagierten Chorsängern unter Leitung von Katharina Otto.

 

„Wir haben aus der Zeitung davon erfahren und sind deshalb gekommen“, erzählt Wolfgang Laskowski, der zusammen mit seiner Frau einen der raren Sitzplätze in der Bahnhofshalle ergattern konnte. Die Bahnhofsmission kennt der 77-Jährige durch sein langjähriges Engagement für das Rote Kreuz. Dass er sich dort für Menschen in Not einsetzte, hat biografische Gründe: „Ich habe als Kind selbst große Armut erlebt.“

 

Laskowski stammt aus Ostpreußen. Als die Russen einmarschieren, wollte die Mutter mit ihm und seinen fünf Geschwistern fliehen. Doch das misslang: „Wir mussten noch bis 1957 bleiben.“ Diese Jahre hat Laskowski als extrem entbehrungsreich in Erinnerung. Der Vater war im Krieg getötet worden. Die Mutter musste ihre Kinderschar alleine durchbringen: „Sie arbeitete als Maurerin.“ Das brachte etwas, aber nicht genug Geld ein. Laskowski erinnert sich, wie er mit seinen Geschwistern ständig auf der Jagd nach Essbarem war. „Wir sammelten Pilze und Beeren, Sauerampfer, Brennnessel und liegengebliebene Ähren auf dem Feld.“

 

Heute geht es Laskowski gut. Doch die Jahre der Not bleiben tief eingegraben in seiner Erinnerung. „Ich könnte niemals etwas Essbares wegwerfen“, sagt der Senior. Auch spenden er und seine Frau regelmäßig für Menschen in Not. Das Engagement der Bahnhofsmission weiß der Würzburger aufgrund seiner eigenen Erfahrungen sehr zu schätzen.

 

In ihren Liedern schlugen die „HeartLeiner“ immer wieder Brücken zur Arbeit der Bahnhofsmission. Verzweiflung und Hoffnung, Gottvertrauen und Trostlosigkeit – all das, was den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern täglich an Emotionen begegnet, spiegelt sich in den Gospels wider. Während die „HeartLeiner“ mit ihrem „Spirit“ die Bahnhofshalle erfüllten, sammelten Aktive der Bahnhofsmission und des Fördervereins, Organisator des Konzerts, Spenden für die ökumenische Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft. Firmlinge aus Lengfeld verkauften selbst gebackene Plätzchen.

 

Dieweil sich einige Zuhörer bewusst auf den Weg zum Bahnhof machten, um die „HeartLeiner“ zu hören, nutzen andere das Konzert, um die Wartezeit auf den nächsten Bus oder Zug zu überbrücken. So auch eine 83-jährige Dame. 15 Minuten hatte sie bis zur Abfahrt ihres Busses Zeit, sich an den Gospels der „HeartLeiner“ zu laben. Dass der Chor schon zum zweiten Mal unentgeltlich für die Bahnhofsmission spielt, fand die Seniorin klasse. Ihr selbst ist die Bahnhofsmission seit mehr als sieben Jahrzehnten bekannt.

 

„Meine Mutter ging mit uns immer dorthin, wenn uns beim Zugfahren schlecht geworden ist“, berichtete sie. Das war während der Kriegszeit in Würzburg. Die Züge seien längst nicht so komfortabel gewesen wie die heutigen, modernen Regional-Expresse oder ICEs. Das hatte geruckelt und geschuckert: „Vor allem meinem Bruder war immer schnell übel.“

 

In der Bahnhofsmission päppelte man die beiden Kinder mit „Hoffmannstropfen“ auf. Ein damals bewährtes Mittel, das heute kaum noch jemand kennt, vermutet die Seniorin. Nun ja. Vieles ist anders geworden seit den schrecklichen Kriegstagen, die auch sie niemals vergessen wird. Zum Glück gibt es manches, das die Zeiten überdauert. Die Würzburger Bahnhofsmission gehört dazu. Helmut Fries