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Null Orientierung mehr

Seit 40 Jahren hilft das Johann-Weber-Haus Männern in schweren Lebenskrisen

Brigitte Abt mit historischen Jahresberichten des vor 40 Jahren gegründeten Johann-Weber-Hauses. Bild: Günther Purlein

Irgendwann ein ganz normales Leben führen zu können – davon träumt David M. Bisher verlief das Leben des 21-Jährigen ziemlich chaotisch. Seine Mutter hatte keinerlei Interesse, sich um ihn zu kümmern. „Mein Vater ist Alkoholiker“, erzählt der aus Baden-Württemberg stammende Mann, der seit Dezember 2016 im Johann-Weber-Haus der Christophorus-Gesellschaft lebt. Hier werden seit genau 40 Jahren Männer in schweren Lebenskrisen unterstützt.

 

Im Rückblick auf die 40-jährige Geschichte des Johann-Weber-Hauses ist David M. mit seinen 21 Jahren ein untypischer Bewohner, so Einrichtungsleiterin Brigitte Abt. „Erst seit fünf Jahren haben wir es immer häufiger mit jungen Männern zu tun“, schildert die Sozialpädagogin. Als das Johann-Weber-Haus 1977 vom diözesanen Caritas-Verband eröffnet wurde, hatte man den klassischen „Nichtsesshaften“, wie es damals hieß, im Blick. Die Männer, die ins Johann-Weber-Haus kamen, hatten oft jahrelang auf der Straße gelebt. Durch das stationäre Reha-Angebot versuchten sie, endlich wieder gesellschaftlich Fuß zu fassen.

 

David M. hat keine Karriere als Straßenjugendlicher hinter sich. Doch dass er aus einer völlig zerrütteten Familie stammt, merkt man dem jungen Mann an. Schon mit fünf Jahren kam David M. mit seinen zwei kleinen Geschwistern ins Kinderheim. Alle drei litten darunter, dass sie nicht mehr in ihrer Familie lebten. Doch nur die beiden jüngeren Geschwister ließen ihrem Kummer bei David M. freien Lauf. „Ich habe meine Gefühle unterdrückt, sonst hätte ich meine Geschwister ja nicht trösten können“, erzählt er. Heute weiß der junge Erwachsene, dass das gar nicht gut für ihn gewesen war. Er hätte sich jemandem anvertrauen müssen. Doch es gab niemanden, zu dem er Vertrauen gehabt hätte.

 

Mit 18 Jahren durfte er endlich aus dem Heim ausziehen. Eigentlich wollte David M. eine Lehre als Einzelhandelskaufmann absolvieren. Doch das scheiterte nach einem halben Jahr. Der Jugendliche hatte nicht den Biss, die Ausbildung durchzuziehen. Außerdem fühlte er sich im Betrieb gemobbt. Deshalb schmiss er die Sache hin.

 

 „Vor allem wollte ich mich endlich einmal ausleben“, bekennt der Bewohner des Johann-Weber-Hauses, der an ADHS und einer körperlichen Behinderung leidet. David M. begann, nur noch das zu tun, was ihm Spaß machte: „Ich feierte.“ Ein halbes Jahr lang „lebte“ er. Dann folgte jäh das Erwachen. David M. stand vor dem Nichts. Eine Beziehung war zerbrochen. In der Stadt, in der er damals lebte, war sein Ruf völlig ruiniert. Immense Schulden drückten ihn. David M. hatte keine Orientierung, wie es weitergehen könnte.

 

In dieser Situation dachte er an seine Eltern. Beide haben ein völlig verpfuschtes Leben hinter sich: „Doch sie wollten nie Hilfe annehmen.“ Bis heute leben sie unter chaotischen Umständen. Für David M. ist das abschreckend: „Ich wollte mein Leben endlich in den Griff bekommen.“

 

Doch wie macht man das? David M. ging ins Internet und suchte nach Angeboten. Dabei stieß er auf das Johann-Weber-Haus. Hier lernt er seit fast einem Jahr, das Chaos, das bisher sein Leben geprägt hat, zu bändigen. Ganz wichtig, weiß David M., ist es für ihn, seinen Tag strukturieren zu lernen. Das trainiert er nun zusammen mit seinen Betreuern. Inzwischen schafft er es, zu festen Zeiten ins Bett zu gehen und zu festen Zeiten aufzustehen: „Termine halte ich heute immer pünktlich ein.“

 

24 stationäre Plätze bietet das Johann-Weber-Haus für Männer, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, ein geregeltes Leben zu führen. Was in erster Linie bedeutet: Eine Wohnung zu haben, die man auch sauber halten kann, und irgendwo einer Arbeit oder einer Ausbildung nachzugehen. Die Sehnsucht nach einem Neustart ist bei allen Männern ähnlich groß wie bei David M. Wobei es umso schwieriger ist, aus dem bisherigen Trott herauszukommen, je länger die chaotische Lebensphase angehalten hat.

 

Nicht selten scheitern die Männer auch beim Übergang aus der stationären Einrichtung ins normale Leben, so Abt: „Weshalb wir gerade ein neues Angebot aufbauen.“ In Kürze wird eine Wohngemeinschaft in der Innenstadt eröffnet, in die bis zu vier Männer aus dem Johann-Weber-Haus einziehen können. Dort werden sie zwar weiterhin sozialpädagogisch unterstützt, allerdings leben sie insgesamt viel selbstständiger als in der Einrichtung.

 

„Gedacht ist das neue Angebot vor allem für Bewohner, die eine Arbeit haben“, erläutert Abt. David M. könnte nächstes Jahr dazugehören. Dann will er sich soweit stabilisiert haben, dass er eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme und im Anschluss daran eine Lehre als Kaufmann für Bürokommunikation beginnen kann.

Günther Purlein