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„Das hier ist meine Familie“

Seit 20 Jahren bietet die Wärmestube benachteiligten Menschen einen Rückzugsraum

Ulrike Noje spielt mit Dieter M. eine Partie Schach. Adrian-Ernesto Jiménez vom Leitungsteam hat kurz Zeit, sich dazuzugesellen. Bild: Günther Purlein

Würzburg. Im Schach steckt Dieter M. alle in die Tasche. Denn Schach ist seine große Passion. „Zweimal habe ich schon im Verein gespielt“, sagt der 59-Jährige. Momentan allerdings hat er keinen Verein. Doch mit etwas Glück findet der gelernte Bäcker einen Spielpartner in der Wärmestube. Hierher kommt er schon seit 20 Jahren – so lange es die von der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft getragene Einrichtung gibt. „Ich fühle mich fast so wie ein Gründungsmitglied“, meint der Würzburger.

 

Einem Zufall war es zu verdanken, dass Dieter M. im Jahr 1997 direkt in den Gründungsprozess der Wärmestube hineingeriet. „Ich lief damals die Rüdigerstraße entlang“, erzählt er. Im Haus Nummer 2, sah er, tat sich etwas. Das machte den damals 39-Jährigen neugierig. Er trat ein und ging auf diese Weise als erster Besucher in die Annalen der Wärmestube ein.

 

Zu jenem Zeitpunkt, erzählt Dieter M., sei er in einer ganz besonderen Lebenssituation gewesen: „Ich kam gerade von einer Alkoholtherapie.“ Monatelang hatte er Unmengen an Schnaps und Bier konsumiert, um seine psychische Erkrankung zu ertragen. Einen Job hatte er damals nicht: „Ich war insgesamt zehn Jahre arbeitslos.“ Auch fehlten ihm soziale Kontakte. In der Wärmestube fand er, was er so dringend gebraucht hatte: Andere Menschen, die in einer ähnlich schwierigen Lebenssituation wie er selbst steckten, sowie Haupt- und Ehrenamtliche, die ihm zuhörten, wenn er mal besonders schlecht drauf war.

 

Eine Menge Menschen hat Dieter M. in den vergangenen 20 Jahren durch die Wärmestube kennen gelernt. Einige Männer aus der Anfangszeit trifft er heute immer noch regelmäßig: „Es gibt allerdings auch ein paar, die inzwischen verstorben sind.“ Dieter M., der, bedingt durch den frühen Tod seiner Mutter, aus einem zerbrochenen Elternhaus stammt, bezeichnet die Wärmestube seit langem als seine „Familie“. Inzwischen arbeitet er zwar wieder. Doch wann immer er frei hat, kommt er in die Christophorus-Einrichtung: „Oft am Freitagnachmittag.“

 

Hat er freitags Gelegenheit in die Wärmestube zu gehen, trifft er dort Ulrike Noje. Die pensionierte Krankengymnastin engagiert sich seit zehn Jahren ehrenamtlich für die Wärmestube. Sie wollte mehr darüber wissen, warum Menschen in so schwierige Lebenssituationen geraten, dass sie auf Angebote wie die Wärmestube angewiesen sind. Aus dieser Motivation heraus begann Noje 2007, als „Mädchen für alles“ freiwillig mitzuhelfen. „Ich schenke Kaffee aus, verteile Handtücher, schaue manchmal nach der Wäsche, und wenn ich Zeit habe, setze ich mich zu einem Besucher, spiele oder rede“, erzählt sie.

 

Nicht nur durch die Gäste erfuhr Ulrike Noje, wie schlimm es Menschen erwischen kann: „Und zwar oft völlig unverschuldet.“ Auch durch das Programm für die Volunteers entdeckte die Rentnerin eine Welt, die ihr bis dahin verschlossen war: „Ich hatte zum Beispiel nicht gewusst, dass es den Simonshof gibt.“ Auch die Justizvollzugsanstalt, in der einige der Besucher immer wieder landen, etwa wegen Schwarzfahren, lernte sie kennen.

 

Ein eigenes Programm gibt es seit dem vergangenen Jahr auch für die Gäste der Wärmestube. „Purer Aktionismus“ heißt die Initiative, die mit vielen spannenden Inhalten aufwartet. „Wir hatten im vergangenen Jahr zum Beispiel eine Suchtberaterin von der Caritas hier“, erzählt Adrian-Ernesto Jiménez, stellvertretender Einrichtungsleiter. In diesem Jahr gab es schon ein „Street-Yoga“ für die Besucher, außerdem fuhr man gemeinsam zur Greifvogelauffangstation am Schenkenturm.

 

Auch Dieter M. schätzt solche Angebote. Das Wichtigste sind für den 59-Jährigen jedoch die Gespräche mit den Sozialarbeitern aus dem Leitungsteam. „Ohne die Wärmestube wäre ich nicht mehr am Leben“, ist der langjährige Besucher überzeugt. „Der Alkohol hätte mich umgebracht“.

 

Adrian-Ernesto Jiménez weiß wie wichtig, aber auch wie schwierig es ist, mit den Besuchern der Wärmestube ins Gespräch zu kommen. „Man muss sehr achtsam sein und den richtigen Moment abpassen“, sagt der Sozialpädagoge. Keiner der Gäste hat Lust, dass sich ihm ein Sozialarbeiter aufdrängt. Sie kommen ja gerade deshalb in die Wärmestube, weil sie, anders als draußen auf der Straße, hier ihre Ruhe haben.

 

Doch manchmal gärt es in einem. Dann will sich etwas Luft machen. Doch wie den Anfang finden? Genau auf solche Augenblicke achten Adrian-Ernesto Jiménez und das gesamte haupt- und ehrenamtliche Personal. Behutsam bahnen sie ein Gespräch an, laden sie das Gegenüber ein, sich einmal auszusprechen. Allein das Zuhören reicht oft auf, so der Sozialarbeiter. Auf gute Ratschläge verzichten die meisten Besucher gern.

Günther Purlein